Indy – Kapitel 2

Auf einmal wird es still um mich herum. Für einen kurzen Moment verdumpft das  Geräusch der reissenden Fluten und ich halte für einige Sekunden inne. Soeben habe ich eine Kameradin aus dem Wasser vor dem sicheren Abgang gerettet. Wenig Zeit später hänge ich an einem grossen Stein mitten im Skykomish River. Neben mir auf beiden Seiten entsetzte Gesichter von dem, was zu diesem Zeitpunkt noch übrig ist von der Crew, die ursprünglich an den Start zum Wildwasserrafting gegangen ist. Unter mir das Boot, welches in diesem Moment zur Hälfte unter Wasser steht, am Stein hängt und sich nicht bewegen lässt. Eine schier ausweglose Situation. Bleiben oder springen? Aber der Reihe nach.

Team- & Bereichsleiter (an dieser Stelle lieben Gruß an meine) belohnen ihre Crew ja oftmals mit Tagesausflügen zu bestimmten Aktivitäten mit dem Hintergrund, das Miteinander zu schärfen und der Motivation neuen Antrieb zu geben. In der Literatur nennt man diesen Begriff oftmals „Teambuilding-Maßnahme“. Gerne wählt der moderne Chef hierbei eben jene Option aus, bei welcher man nicht nur im metaphorischen Sinne „im gleichen Boot sitzt“, sondern auch rein technisch diesem Ausdruck Folge leistet. So geschehen auch in Goldbar, Washington State, USA. Initiator war hierbei zwar nicht einer der Teamleiter, sondern ein Mitglied der T-Mobile USA Exchange Crew, was dem gewünschten Effekt jedoch nicht im Wege stehen sollte. Gegen Mittag aufgebrochen, machten wir (7 Crewmitglieder) uns auf den Weg nach Goldbar, um eine neue Erfahrung in Sachen Flussbezwingung zu erreichen. Am Camp angekommen, wurden wir sofort in ein Gespräch über Bierkonsum in verschiedenen Ländern verwickelt. Der etwas ältere Herr machte den typischen Eindruck eines Landhaus-Amerikaners. Erst später würden wir erfahren, dass es sich hierbei um unseren Übungsleiter handelt. Sein Name war Hudson, er selbst gehörte zur Marke derer, die wahrscheinlich irgendwann in ihrem Leben schon mal einen Grizzlybären mit einem Zahnstocher erlegt haben. Man könnte also auch meinen, wie Hirschi später richtig anmerkte, dass jener berühmte amerikanische Fluss nach ihm benannt wurde.

Bei der circa 35 minütigen Sicherheitsaufklärung stellte sich bei mir sofort der klassische Flugzeug-Effekt ein. Nicht zuhoeren, was soll schon schief gehen? Okay, Beine hochhalten, falls man über Bord geht und möglichst erst dann atmen, wenn kein Wasser mehr das Gesicht bedeckt. Kaum gestartet, begann Hudson auch schon mit seinen Erzählungen über seine glorreiche Zeit auf den Flüssen der Welt. Man sah bereits in den Adern seines Gesichts, dass er schon etliche Kämpfe im Stile „Mann gegen Natur“ bewältigt haben musste. Angesprochen auf seine Mütze, die den Namen „Indy“ zierte (niemand hat ihn darauf angesprochen, der Freundlichkeit halber wird das in diesem Text nur so dargestellt. Anm. R.), legte er uns abermals abenteuerlich dar, dass er diesen Namen zu seinen besten Zeiten von seinen Crewmitgliedern in Norwegen erhalten habe, da er die Flüsse auf die gleiche Art und Weise bezwang, wie schon Indianer Jones es getan hat. Wie viele Schaetze er dabei schon geborgen hat, hat er uns nicht verraten.

Mit ernster Miene kündigte uns Indy die „härteste und gefährlichste“ Stelle des ganzen Skykomish Rivers an. Er sprach von „Stromschnellen“ und „saugefährlichen Treppenstufen“, die uns „das Leben zur Hölle“ machen könnten. Ausnahmsweise war ich diesmal nicht der blasseste, sondern meine Paddelnachbarin, die im feinsten Gruppenzwang davor bewahrt wurde, auszusteigen. Nicht ganz freiwillig, aber ihr blieb nunmal keine andere Wahl. Davon mal abgesehen, hat allein Indys Gesicht dafür gesorgt, dass sie sich nicht mehr getraut hat, auch nur einen ihrer Gedanken bzw. Zweifel laut auszusprechen. Indy hat uns zwar angeboten auszusteigen, aber das war sicher nicht ganz ernst gemeint. Der Pöbel will nun mal unterhalten werden. Und wer jetzt denkt, dass die große Katastrophenstory aufkommt, der hat sich leider getäuscht. Die härteste Stelle des Flusses wurde unbeschadet bezwungen und der Nimbus der Unbesiegbarkeit machte sich breit, so dass sogar meine Paddelnachbarin Morgenluft witterte und fortan mutiger zu Werke ging.

Vorher noch über den über Bord gehenden Asiaten in einem anderen Boot vor uns gelacht, erwischte es kurze Zeit später auch unseren Hirschi, der nach einem fiesen Stein im Wasser mit anschließender Vollbremsung des Bootes sein Gleichgewicht nicht mehr halten konnte und auch an der Reihe war, die Flusstemperatur zu testen. Schadenfreue ist die schönste Freude: Michel folgte diesem Credo und hatte nach der Rettung des Zirndorfers einige Schmunzler für ihn parat. Der stolze Franke empfand das als Majestätsbeleidigung und nutzte die nächste Gelegenheit eines abrupten Vollstops mit einem Sprung in bester Superman-manier von der einen Bootseite zur anderen, um Michel  gekonnt aus dem Boot zu kicken, welcher anschließend nicht sofort gerettet werden konnte und erstmal mit den Lachsen zusammen den Fluss herunterschwamm. Also in meinen Augen war das Friendly Fire und deswegen ein Fall für das Militärgericht. Kurze Zeit später erwischte es abermals nach einem Steinkollision Vanessa, die sich nun im Stile eines Aals um die Steine flussabwärts schlengeln musste und auch nicht mehr direkt gerettet werden konnte. Später würde sie erzählen, dass zwei Boote vor ihr für ihre Rettung in Frage kamen und der Führer des ersten Bootes ihr zunächst das Seil zwei Meter zu knapp vor die Hände warf. Ihr seht, wir wurden von richtigen Profis betreut, auf die man sich verlassen konnte. Auch im Ernstfall. Das Gesicht von Vanessa haette ich in diesem speziellen Moment sehr gerne gesehen. Die Crew bereits stark dezimiert, sollte sofort danach die Situation ausser Kontrolle geraten, Carina fällt als vierte aus dem Boot, konnte aber wieder eingefangen werden, nach dem sie sich schon in deutlich gefährlicherer Position unterhalb des Bootes befand. Ein weiterer Aufprall und schon hingen wir in der aus der Einleitung bekannten Situation fest.

Nicht, dass mir der Stein, an dem ich hing, nicht gefallen hat. Aber in der Situation denkt, wie ich später auch von den anderen erfahren durfte, man wirklich daran, selbst einfach in den Fluss zu springen. Das würde man natürlich nicht tun, da man dadurch einfach Feige das Schiff verlassen und die Crew zurücklassen würde. Aber zumindest erscheint einem das als Option, um seine Freiheit wiederzugewinnen. Selbst in Hudsons Gesicht machte sich Verzweiflung breit und die ersten Versuche, der Physik den Schneid abzukaufen, scheiterten. (jetzt bitte folgenden Link aufrufen und Lautstärke aufdrehen http://www.youtube.com/watch?v=Vg7C9qwLoqE) Doch in diesem Moment setzte Hudson seine gelbe Schirmmütze wieder auf, der Name „Indy“ leuchtete uns an und versprach Hoffnung. Mit gekonnter Gewichtsverlagerung schafften wir es, das Boot wieder manövrierfähig zu bekommen und fuhren unbeschadet den Fluss herunter und sammelten die anderen ein.

Neben der Nahtod-Erfahrung haben wir auch noch eine Einladung von Indy Anfang Oktober zum International Foodfest auf seinem Hof, zu welchem er nur die „Dreamteams“ seiner Fahrten einlädt, erhalten. Mit großer Vorfreude blicken wir diesem Event entgegen und fragen uns, ob diesmal alles glatt oder wieder etwas aus dem Ruder laufen wird. Es bleibt spannend.

Mehr als 1000 Wörter sind für diesen Eintrag genug. Da die meisten meiner Freunde gar nicht lesen können, ist das hier wohl wie Perlen vor die Säue. Nichtsdestotrotz, die anderen versprochenen Themen folgen im nächsten Blogeintrag.

Euer Flutenbezwinger

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